19.03.2025
Zugewanderte Fachkräfte im Sozialbereich
Qualifikationsadäquate Integration in den Arbeitsmarkt als Mittel gegen Fachkräftemangel und zur Erfüllung von Berufswünschen
von Redaktion überaus
Auch in den sozialen Berufen, zum Beispiel der Sozialen Arbeit und der Kindheitspädagogik, ist der Fachkräftemangel ein beherrschendes Thema. Darum wiegt es besonders schwer, dass zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker dieser Fachrichtungen auf dem Weg zu einer qualifikationsadäquaten Beschäftigung in Deutschland nicht selten auf Hürden stoßen. Das Projekt IQ NRW West | THK bietet Unterstützung für diejenigen, die in diesen Berufen arbeiten möchten. Inzwischen begleiten ehemalige Teilnehmende bereits selbst junge Menschen bei der Bewältigung des Übergangs, zum Beispiel in Beratungsstellen oder bei Bildungsträgern.
Wie viele andere Bereiche sind auch die sozialen Berufe, zum Beispiel die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik, vom Fachkräftemangel betroffen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat sie im Jahr 2023 als Engpassberufe eingestuft. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeits- und Handlungsfelder am Übergang in Ausbildung und Beruf, die junge Menschen in dieser entscheidenden Lebensphase begleiten sollen. Tatsächlich gelingt in jedem Jahr vielen Jugendlichen der direkte Übergang in eine Berufsausbildung nicht. So mündeten 249.790 Jugendliche (13,5 Prozent) im Jahr 2023 in den Übergangsbereich (BIBB 2024) ein. Sie würden von einer Unterstützung durch Fachkräfte im Bildungs- und Sozialbereich, zum Beispiel durch Beratung oder Begleitung, profitieren. Gleichzeitig gibt es viele zugewanderte Fachkräfte in Deutschland, die gern in diesem Bereich arbeiten würden, aber mit verschiedenen Schwierigkeiten auf ihrem Weg in eine qualifikationsadäquate Beschäftigung konfrontiert sind.
Das Projekt "IQ NRW WEST │ THK" (1) in Trägerschaft der Technischen Hochschule Köln zielt darauf ab, diesem Problem entgegenzuwirken, indem es Akademiker und Akademikerinnen mit ausländischer Herkunft dabei unterstützt, eine ihren Qualifikationen adäquate Beschäftigung in den Bereichen Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik zu finden. Prof. Dr. Birgit Jagusch und Prof. Dr. Schahrzad Farrokhzad, wissenschaftliche Leiterinnen des Projekts, erläutern die spezielle Ausrichtung wie folgt: "Hier setzt unser Projekt an, das die bereits vorhandenen Qualifikationen wertschätzend aufgreift und neue fachliche Inputs gibt". Das Projekt baut auf den Erfahrungen eines Vorgängervorhabens "IQ NRW OnTop │ THK" auf, das unter anderem aufgrund seiner Relevanz für die Bewältigung aktueller gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Herausforderungen mit dem Transferpreis der Hochschule 2023 ausgezeichnet wurde.
"Das Projekt greift die bereits vorhandenen Qualifikationen wertschätzend auf und gibt neue fachliche Inputs" - Prof. Dr. Farrokhzad und Prof. Dr. Jagusch, wissenschaftliche Leiterinnen
Walid B. N. ist ein Teilnehmer dieses Projekts, der sich nun ehrenamtlich im Programm IQ NRW WEST │ THK engagiert. Er kam 2018 nach Deutschland mit dem Ziel, als Sozialarbeiter tätig zu werden, denn Walid hat in seinem Heimatland Tunesien Sozialpädagogik studiert und zwei Masterabschlüsse erworben.
Entwicklung und Ziele des Projekts |
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Seit 2019 implementiert die Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln Projekte im Rahmen des Programms IQ – Integration durch Qualifierung – zur Unterstützung internationaler Akademikerinnen und Akademiker in den Berufsfeldern Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik. Das Projekt "IQ NRW OnTop │ THK" hat in der Förderphase 2019 - 2022 insgesamt 154 internationale Akademikerinnen und Akademiker auf ihrem Weg zu qualifikationsadäquater Beschäftigung unterstützt. Derzeit wird das Nachfolge-Projekt IQ NRW WEST | THK mit einer Förderlaufzeit von 2023 bis Ende 2025 umgesetzt.
Ziele: 1) Verbesserung des Übergangs in qualifikationsadäquate Beschäftigung
2) Schaffung von Zugängen zu akademischen sozialen und pädagogischen Handlungsfeldern
3) fachspezifische, praxis- und arbeitsmarktorientierte Erhöhung der sprachlichen Handlungsfähigkeit
4) Vernetzung mit fachlich einschlägigen Praktikerinnen und Praktiker
5) flexible und bedarfsgerechte Qualifizierungsbegleitung auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung in den Berufsbildern "Soziale Arbeit" und "Kindheitspädagogik" |
Doch der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt gestaltete sich schwierig. Ausländische Fachkräfte sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als deutsche, insbesondere diejenigen, die ihren Berufsabschluss im Ausland erworben haben (Mergener 2018). Walid hatte damals viele Fragen: "Ich war damals total lost, ich wusste nicht, was ich tun soll. Wohin soll ich als Sozialarbeiter hier in Deutschland gehen? Was soll ich tun mit meinem Zeugnis?" Er beantragte die Anerkennung seiner Zeugnisse, jedoch habe er "keine "Orientierung" gehabt. Deshalb entschied er sich, Kontakt mit der TH Köln aufzunehmen und am Projekt teilzunehmen.
Die Arbeit des Projekts orientiert sich eng an den konkreten Bedarfen der Zielgruppe. Die Ergebnisse des Vorgängerprojekts ermöglichten ein besseres Verständnis der Bedürfnisse von zugewanderten Akademikerinnen und Akademikern und flossen in das neue Projekt ein, das von diesen Erfahrungen profitierte. So betont Selma Citak, operative Projektleiterin: "Die Besonderheit des Projekts IQ NRW West │THK liegt darin, dass die Teilnehmenden sehr bedarfsorientiert unterstützt werden, in fachlicher und auch überfachlicher Hinsicht".
Der Hintergrund der Projektteilnehmenden ist sehr heterogen. Sie kommen aus vielen Ländern, sowohl aus der Europäischen Union als auch aus Drittstaaten. Die häufigsten Herkunftsländer sind Polen, die Ukraine und die Türkei, aber auch Akademikerinnen und Akademiker zum Beispiel aus Chile, Israel und Russland nehmen am Projekt teil. Verschieden wie die Herkunftsländer sind die akademischen Qualifikationen. Während einige Teilnehmende einen Bachelorabschluss haben, verfügen andere über einen Master- oder Diplom-Abschluss. Sozialpädagogik ist die häufigste Fachrichtung, gefolgt von Sozialer Arbeit, Kindheitspädagogik und Sozialwissenschaften.
Um den Bedürfnissen der Programmteilnehmenden gerecht zu werden, wurden im Rahmen des Projekts zwei eigenständige Programme entwickelt. Laut Selma Citak "gibt [es] unterschiedliche Elemente und auch unterschiedliche Inhalte. Das Projekt setzt sich zusammen aus einer Brückenmaßnahme und einer Qualifizierungsbegleitung".
Grund der Differenzierung sind die unterschiedlichen Profile und Ziele der Programmteilnehmenden. Denn zur Zielgruppe des Programms gehören, neben den zugewanderten Akademikerinnen und Akademikern, die einen Hochschulabschluss in Sozialer Arbeit oder in Kindheitspädagogik absolviert haben, auch solche mit einem fachverwandten Studienabschluss (beispielsweise in Erziehungswissenschaften oder Soziologie). So steht das Programm 1 (kurz: Brückenmaßnahme) auch diesen Zielgruppen offen, während das Programm 2 (kurz: Qualifizierungsbegleitung) eine Begleitung auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung bietet und nur für eingeschriebene Gasthörende der TH Köln zugänglich ist, die diese erlangen möchten.
IQ NRW West │ THK: Ein Projekt, zwei Programme
Programm 1: "Brückenmaßnahme für zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker zum Erwerb von Kompetenzen für die Arbeitsmärkte der Zukunft"
Dieses Programm unterstützt zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker, die im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit und/oder Kindheitspädagogik arbeiten möchten und hat zum Ziel, deren Übergang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Teilnahmevoraussetzungen: Ausländischer Hochschulabschluss in Sozialer Arbeit, Kindheitspädagogik oder einem ähnlichen Fach (zum Beispiel Erziehungswissenschaften, Sozialwissenschaften oder Soziologie) und deutsche Sprachkenntnisse auf dem Niveau B2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzenrahmens.
Programm 2: "Qualifizierungsbegleitung: Wege zur staatlichen Anerkennung – Schwerpunkt Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik"
In Seminaren und Workshops zu fachlichen und überfachlichen Themen der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik werden die Teilnehmenden darin unterstützt, sich sowohl auf die Prüfungen als auch auf die Arbeitswelt vorzubereiten.
Teilnahmevoraussetzungen: Zusätzlich zu den unter Programm 1 genannten Voraussetzungen ist für Programm 2 die Teilnahme an einer Anpassungsqualifizierung zur Erlangung der staatlichen Anerkennung in Sozialer Arbeit oder Kindheitspädagogik an einer Schwerpunkthochschule in NRW erforderlich.(2)
Eine fachliche und überfachliche Qualifizierungsbegleitung
Soziale Arbeit ist von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt. Sie kann in den Herkunftsländern eine andere Funktion haben (Straßburger 2008) und auch die nationalen Praktiken können unterschiedlich sein (Eraht 2010). Viele Teilnehmende empfinden daher die Inhalte der Seminare, die im Rahmen der Qualifizierungsbegleitung angeboten werden, als sehr relevant. Diese Seminare finden wöchentlich statt und stellen ein zusätzliches und ergänzendes Angebot zu den Pflichtveranstaltungen im Rahmen der Anpassungsqualifizierung dar. Dabei geht es beispielsweise um Themen wie "Soziale Arbeit in Deutschland", "Kollegiale Fallberatung" oder "Professionelle Nähe und Distanz" im Seminar "Professionelles Handeln".
Neben der fachlichen Unterstützung wird auch eine überfachliche Unterstützung angeboten. Diese wurde als Antwort auf die von den Teilnehmenden geäußerten Bedürfnisse entwickelt und findet in Form von Einzel- oder Gruppenbegleitung statt.
Qualifizierungsbegleitung auf einen BlickIm Rahmen des Programms 2 werden folgende Themen bearbeitet:
- Professionsverständnis und professionelles Handeln
- Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik in Deutschland im Überblick
- Kollegiale Fallberatung & Theorie-Praxis-Transfer
- Kommunikationsmethoden in der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik
Zusätzlich dazu finden Einzel- und Gruppenbegleitungen statt, die Raum für Fragen und Austausch bieten.
Durch die Verzahnung von fachsprachlichen Angeboten mit Elementen der fachlichen Supervision entsteht die Möglichkeit, die Kenntnisse und die Sicherheit im Gebrauch der Fachsprache zu erweitern und zu vertiefen. Darüber hinaus können die Teilnehmenden ihre Kenntnisse und Fertigkeiten auch durch Teilnahme an Angeboten des nachfolgend näher beschriebenen Programms 1 (Brückenmaßnahme) ausbauen.
Zugang zu den sozialen und pädagogischen Handlungsfeldern durch die Brückenmaßnahme
Die Brückenmaßnahme (Programm 1) dient dem Erwerb von Kompetenzen, Know-How sowie der Möglichkeit der Vernetzung mit potentiellen Arbeitgebern. Darüber hinaus ist diese Maßnahme geeignet, um Menschen Orientierung zu bieten. Selma Citak nennt Beispiele für Fragen, die die Teilnehmenden beschäftigen: "Muss ich nochmal studieren? Kann ich mit Kindern und Jugendlichen oder im sozialen Bereich arbeiten, auch wenn ich kein Sozialpädagoge bin, aber andere formale Voraussetzungen mitbringe?"
Das Programm 1 ist in vier Bausteine untergliedert. Die Teilnehmenden haben die Option, diese Bausteine einzeln abzuschließen, je nach ihrem Interesse und ihren Bedürfnissen.
Brückenmaßnahme (Programm 1): vier Bausteine |
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Baustein A: "Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik – Arbeitsmärkte der Zukunft in Deutschland" Baustein B: "Mentoringprogramm mit Praktiker:innen Sozialer Arbeit und Kindheitspädagogik" Baustein C: "Wege in die Praxis Sozialer Arbeit und Kindheitspädagogik" Baustein D: "Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt vorbeugen und entgegentreten – Empowerment-Workshop"
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Baustein A "Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik – Arbeitsmärkte der Zukunft in Deutschland" ermöglicht mit Unterstützung externer Referentinnen und Referenten einen sehr praxisorientierten Einblick. Themen wie Tarife in Deutschland, Institutionen und Organisationen werden im Rahmen dieses Bausteins behandelt.
Ein Mentoringprogramm ist Bestandteil des Bausteins B, in dessen Rahmen die Teilnehmenden individuelle und professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung erhalten. Insgesamt 15 Mentorinnen und Mentoren begleiten die Teilnehmenden individuell: "Das ist eine One-to-One-Konstellation, wo sie individuelle Fragen zum Arbeitsfeld beantwortet bekommen. Im Idealfall können sie auch mit dem Mentor oder der Mentorin deren Arbeitsplätze besichtigen" erklärt Selma Citak. Eine Mentorin ist Beshid Najafi, die über dreißig Jahre in der Sozialen Arbeit tätig und Vorstandsmitglied der Frauenberatungstelle agisra e.V. ist. Über ihre Motivation als Mentorin im Rahmen des Programms zu agieren, erzählt sie: "Überlegen musste ich nicht, es geht schließlich darum, jungen Frauen Mut zu machen, mit ihnen Erfahrungen zu teilen und sie zu begleiten. Sie leisten viel und bringen ihr Wissen, Können und oft ausgezeichnete Abschlüsse mit. Was sie allerdings brauchen, sind Menschen, die die Arbeitswelt in Deutschland kennen, die über Zugänge verfügen und denen sie vertrauen können".
Die Brückenmaßnahme dient dem Erwerb von Kompetenzen, Know-How sowie der Möglichkeit der Vernetzung mit potentiellen Arbeitgebern.
Dieser Baustein wird von den Teilnehmenden sehr gut angenommen: "Wir haben ehemalige Teilnehmende, die von dem Konzept des Bausteins B so begeistert sind, dass sie, inzwischen selbst berufstätig, als Mentoren und Mentorinnen im Projekt mitwirken" erzählt Selma Citak. Einer dieser Teilnehmenden ist Walid, der mittlerweile selbst mehrere Mentees betreut hat. Als Teilnehmer fand er das Mentoringprogramm "sehr hilfreich, sehr wichtig, weil ich mit einem Fachmann sprechen kann, ich kann viele Fragen stellen, jemand kann mich hier in Deutschland begleiten". Sein ehemaliger Mentor, Peter, hat eine leitende Position im Jugendmigrationsdienst, wo Walid auch ein Praktikum machen konnte.

IQ Mentorin Beshid Najafi (r.) im Gespräch. Bild: TH Köln
Die Intensität der Arbeit als Mentor ist immer unterschiedlich, denn manchmal haben Mentees "Ziele und möchten diese Ziele erreichen und ich muss weniger machen, nur begleiten und Erfahrungen austauschen. Oder es gibt Leute, die haben gar keine Ahnung, haben gar keine Ziele, keine Pläne" und benötigen deshalb mehr Betreuung oder Begleitung. Auch in solchen Fällen ist Walid mit seiner Rolle als Mentor zufrieden: "Allgemein macht die Arbeit als Mentor in diesem Programm Spaß. Es macht Spaß und ich bin froh, Teil dieses Programms zu sein".
Mentoring – Ein strukturierter ProzessNach einer von der TH Köln organisierten Kennenlernveranstaltung für Mentees, Mentorinnen und Mentoren beginnt das One-to-One-Mentoring. Die Tandems organisieren persönliche Treffen, tauschen sich aus und gehen gemeinsam erste Schritte.
Monatlich finden freiwillige Online-Treffen statt, damit alle Akteure untereinander in Kontakt bleiben und den Austausch zwischen Mentorinnen, Mentoren und Mentees zu fördern. Auch das Projektteam ist jederzeit ansprechbar und kann bei wichtigen Entscheidungen beratend zur Seite stehen. Am Ende des individuellen Mentoring-Prozesses findet ein weiteres Treffen in Köln statt, bei dem Erfolge und Erfahrungen zusammengetragen werden, die in die nächste Runde des IQ-Mentoring-Programms einfließen.
Ablauf
1) Auftakt: Kennenlernveranstaltung
2) Tandems: persönliche Treffen
3) Parallel: monatlicher Online-Austausch
4) Kontinuierlich: gesamtes Team des IQ-TH Köln ansprechbar
Weitere praktische Einblicke in den Berufsalltag können die Teilnehmenden gezielt im Rahmen des Bausteins C "Wege in die Praxis Sozialer Arbeit und Kindheitspädagogik" gewinnen. Innerhalb dieses Bausteins können sie eine Hospitation oder Schnuppertage absolvieren. Dies erfolgt in Kooperation mit Trägervereinen, Institutionen und Organisationen. Inzwischen verfügt das Projekt über einen großen Pool an Kooperationspartnern. Die Koordination läuft über das Projektteam: Die Teilnehmenden können ihre Interessen oder bevorzugten Arbeitsbereiche äußern und werden bei der Suche nach geeigneten Plätzen unterstützt. Dieser Baustein wird sowohl von den Programmteilnehmenden als auch von den besuchten Organisationen sehr geschätzt: "Das ist wirklich eine Win-Win-Situation, die Einrichtungen profitieren von dieser Idee insofern, als dass sie direkt mit potentiellen Arbeitnehmenden in Kontakt treten können, daraus können sich schon Kontakte ergeben, die über die Einblicke hinausgehen: da hat man sich kennengelernt, dann vielleicht nochmal Gespräche geführt oder man bewirbt sich direkt auf eine ausgeschriebene Stelle" betont Selma Citak.

Selma Citak (operative Projektleitung), stellt das Projekt vor. Bild:
überausDieser Baustein ermöglicht es, erste Erfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu sammeln und ist für die berufliche Integration der Teilnehmenden besonders relevant. Denn bei der Rekrutierungswahrscheinlichkeit ausländischer Bewerberinnen und Bewerber spielen ihre deutschen Sprachkenntnisse und die vorhandenen Berufserfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine große Rolle (Mergener 2018).
Nicht selten berichteten Projektteilnehmende von mangelnder Wertschätzung oder Anerkennung ihrer mitgebrachten Qualifikationen und Arbeitserfahrungen. Einige haben auch Diskriminierung in Deutschland erlebt. Um hier Unterstützung anzubieten und die Frage "Was kann ich tun, wenn ich diskriminiert werde?" zu beantworten, wurde der Baustein D "Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt vorbeugen und entgegentreten – Empowerment-Workshop" entwickelt. Dabei handelt es sich um einen "Empowerment-Workshop", der von externen Referentinnen und Referenten durchgeführt wird: "Da geht es tatsächlich, wie der Name schon sagt, darum, zu empowern und Fragen in Richtung Hilfe oder Unterstützungsangebote, Informationen, aber auch wirklich Empowerment anzubieten", sagt Selma Citak über den Baustein. Dazu wird ein geschützter Raum ("Safer Space") für Diskussionen und zum Austausch über Diskriminierungserfahrungen und zur Entwicklung von Handlungs- und Resilienzstrategien gegenüber Diskriminierungsrisiken am Arbeitsmarkt geschaffen.
Eine nachhaltige und qualifikationsadäquate Arbeitsmarktintegration
Nach seiner Projektteilnahme ist es Walid gelungen, eine Stelle als Sozialarbeiter zu finden. Er arbeitet bei der AWO in der Abteilung Gewaltprävention: "Wir machen Beratung und teilweise auch Betreuung sowie Sensibilisierungsarbeit. Jedoch ist die Hauptaufgabe die Beratung junger Leute, die soziale Probleme haben". Wie viele andere zugewanderte Personen hatte Walid Bedenken sich auf eine Stelle zu bewerben. Die Sorge, seine Deutschkenntnisse seien nicht ausreichend, hätten ihn fast vor der Einreichung der Bewerbung abgehalten: "ich hatte nicht das Gefühl, dass ich 100 Prozent auf Deutsch arbeiten kann und habe deswegen erstmal kein Vorstellungsgespräch gemacht". Dies ist kein Einzelfall, sondern einer der Gründe, warum zugewanderte Personen immer wieder Tätigkeiten ausüben, die nicht ihren Qualifikationen entsprechen. Häufig üben sie Tätigkeiten aus, in denen sie ihre Qualifikationen nicht voll ausschöpfen können. Auch wenn das Problem der Überqualifizierung nicht nur diese Gruppe betrifft, so sind sie doch stärker davon betroffen. Gerade für Länder wie Deutschland, in denen Fachkräftemangel besteht, ist dies besorgniserregend (Keeley 2009). "Es geht uns immer darum: Job ok, aber die Menschen möglichst qualifikationsadäquat und nachhaltig auf den Arbeitsmarkt zu integrieren", so Selma Citak.
"Es geht uns immer um möglichst qualifikationsadäquate und nachhaltige Arbeitsmarktintegration." - Selma Citak, operative Projektleiterin
Walid hatte damals, während der Stellensuche, einen Artikel über ein Kölner Projekt im Bereich der Sozialarbeit gelesen, in dem Mitarbeitende mit arabischen und französischen Sprachkenntnissen eingesetzt werden. Konkret ging es um Streetwork mit und Beratung von Jugendlichen aus Nordafrika: "Meine Zielgruppe in Tunesien, die waren nun hier in Deutschland. Ich verstehe diese Zielgruppe sehr gut, ich habe sechs Jahre mit dieser Zielgruppe gearbeitet, ich habe viele Ziele erreicht". Walid konnte seine Bedenken überwinden als er sich selbst überzeugte, dass er die Voraussetzungen erfüllte. Sein ehemaliger Mentor half ihm bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Als die Antwort negativ war – denn die Stelle war bereits besetzt – wurde Walid auf eine andere vakante Stelle aufmerksam gemacht, auf die er sich später beworben und mit Hilfe seines Mentors das Vorstellungsgespräch vorbereitet und gemeistert hat: "Ich habe mit Peter das Vorstellungsgespräch vorbereitet. Es hat alles nach Plan funktioniert. Die Leute waren mit meinen Fähigkeiten zufrieden".

Früher Mentee, heute Mentor: Walid an seinem Arbeitsplatz. Bild:
überausEr wurde in seiner neuen Stelle sehr gut angenommen und fühlte sich direkt als Teil des Teams. Seine Bedenken bezüglich seiner Deutschkenntnisse haben sich als unbegründet bewiesen: "Ich hatte viel Hilfe von meinem Chef gehabt, also hier im Fachbereich und von meiner Projektleiterin und das Team, sie sind sehr hilfsbereit. Mir wurde viel Geduld entgegengebracht und ich hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie Druck machen. Ich habe mit der Zeit viel gelernt und das funktioniert, nicht automatisch, aber fast". Darüber hinaus hat er festgestellt, dass seine Sprachkenntnisse ein Vorteil sind: "Manchmal kann ich beispielsweise bei Klienten, die nicht sehr gut Deutsch sprechen können, die Beratung auf Arabisch oder auf Französisch durchführen, dann fühlen sie sich sicher. Sie können bei der Beratung mehr sagen, mehr zeigen (…) Ich habe eine arabische Familie begleitet und dann habe ich gespürt, wie wertvoll es ist, eine Fremdsprache zu sprechen. Diese Menschen waren komplett lost, hatten gar keine Ahnung von Gesetzen, sie wussten nicht, wer ich bin und warum ich gekommen bin. Sie sprachen kaum Deutsch. Ich war eine große Hilfe für diese Familie und ich war auch zufrieden, dass ich solche Sachen anbieten kann".
Vor allem in der Einstiegszeit im Beruf wurde Walid klar, wie wichtig die Inhalte sind, die er während der Teilnahme am Projekt erworben hat, auch im Hinblick auf die Fachsprache: "8a-Meldung"(3), als ich diesen Begriff zum ersten Mal hier bei der Arbeit gehört habe, wusste ich sofort worum es geht. Es wäre schlimm gewesen, wenn ich diesen Begriff nicht verstanden hätte, das ist ein Kern unserer Arbeit hier in der Abteilung Gewaltprävention (…). Das war auch für mich sinnvoll und Gold wert." Auch Selma Citak betont die Wichtigkeit dieser Aspekte, denn nicht selten gibt es Rückmeldungen wie: "Zum Glück habt ihr diesen Inhalt gemacht, ich wusste sofort was gemeint ist, ich wusste wie eine kollegiale Beratung abläuft, ich wusste wie Formulare auszusehen haben, was ich da eintrage (…). Ohne diese Inhalte hätte ich das nicht gewusst." Diese Rückmeldungen werden auch dazu verwendet, um die Inhalte des Projekts noch passgenauer zu machen: "Wir hören daraus, welche Aspekte den Teilnehmenden weitergeholfen haben und bauen diese in den nächsten Kursen gezielt aus", erläutert Selma Citak.
Nicht nur berufliche, sondern auch soziale Integration
Walid fand im Projekt nicht nur einen Weg, um in Deutschland die relevanten fachlichen Kenntnisse zu vertiefen und einen Einblick in die Institutionen der Sozialen Arbeit zu erlangen, sondern auch etwas, was auch sehr wichtig ist: ein Netzwerk. Soziale Netzwerke spielen eine wichtige Rolle bei der Integration zugewanderter Personen, nicht nur für das persönliche Wohlbefinden, sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg (Keeley 2009). Durch das Projekt konnte Walid ein Netzwerk mit anderen Teilnehmenden, Mentoren und Mentorinnen und auch Hochschulmitarbeitenden bilden. Das war für ihn ein sehr gewinnbringender Faktor: "Mein ehemaliger Mentor Peter und ich sind Freunde bis heute. Das Mentoringprogramm war für mich wie eine Tür zum Arbeitsmarkt, aber auch zu Freunden aus dem sozialen Bereich. Ich war sehr zufrieden, das hat mir viel Orientierung gegeben, viele Möglichkeiten".

Durch das Projekt entstehen Netzwerke und Freundschaften: Teilnehmende im November 2023. Bild: TH Köln
Auch Selma Citak betont, dass viele Teilnehmende zurückmelden, dass "diese Gruppe, dieses Zusammenzugehörigkeitsgefühl sehr wichtig für die Teilnehmenden aus dem Ausland ist. Einige haben Familie, Kinder hier, aber es gibt auch Teilnehmende die kein oder kaum soziale Netzwerke haben in Deutschland, weil sie beispielsweise noch nicht sehr lange hier sind. Das ist für sie wirklich sehr wertvoll, der Kontakt untereinander. Ihr erstes soziales Netzwerk hier ist nicht selten diese Gruppe. Es haben sich sehr wertvolle Kontakte für das berufliche und soziale Leben daraus entwickelt".
Nicht nur Netzwerke und Freundschaften sind durch dieses Projekt entstanden, auch die Verbundenheit mit dem Projekt wird durch das Engagement ehemaliger Teilnehmender zum Ausdruck gebracht. Denn nicht nur Walid engagiert sich im Programm, auch andere ehemalige Teilnehmende bleiben dem Projekt zum Beispiel als Referentinnen und Referenten verbunden.
Auf dem Weg zu einer qualifikationsadäquaten Integration in den Arbeitsmarkt
Das Projekt IQ NRW WEST │ THK setzt auf folgende Aspekte, um eine nachhaltige und qualifikationsadäquate Integration zugewanderter Akademikerinnen und Akademiker in den Arbeitsmarkt zu erreichen:
Bedarfsorientierte Angebote
Das Projekt wurde auf der Grundlage der Ergebnisse und Erfahrungen eines Vorgängerprojekts entwickelt. Darüber hinaus werden die Bedürfnisse der Teilnehmenden kontinuierlich erfasst und berücksichtigt.
Individuelle Begleitung
Die Projektteilnehmenden werden kontinuierlich durch Mentoring und/oder überfachliche Unterstützung begleitet. Jeder Fall wird individuell analysiert, um maßgeschneiderte Lösungen anbieten zu können.
Ressourcenorientierter und wertschätzender Ansatz
Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Ressourcen und Potenziale der Teilnehmenden und nicht fehlende Wissensstände oder Kompetenzen.
Sprachsensible Begleitung
Sprachsensible Qualifizierungsbegleitung: Möglichkeit, die Kenntnisse und die Sicherheit im Gebrauch der Fachsprache zu erweitern und zu vertiefen durch die Verzahnung von fachsprachlichen Angeboten mit Elementen der fachlichen Supervision.
Netzwerkbildung
Das Projekt bietet die Möglichkeit, Kontakte zu Personen auf dem deutschen Arbeitsmarkt oder zu anderen Projektteilnehmenden zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen.
Mehrere Glieder einer Kette um den Übergang zu bewältigen
Der Mangel an qualifiziertem Personal im Bildungs- und Sozialbereich wird heutzutage immer gravierender. Das kann die Situation junger Menschen im Übergang langfristig erschweren, da sie in dieser wichtigen Zeit nicht die notwendige Unterstützung erhalten, mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen. Mit seinem Ansatz, zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker bei der Aufnahme einer ihrer Qualifikation adäquaten Erwerbsarbeit zu unterstützen, trägt das Projekt IQ NRW West │ THK dazu bei, dem Fachkräftemangel auch im Bildungs- und Sozialbereich entgegenzuwirken und das in zwei Richtungen: Auf direktem Weg über die Vorbereitung und Integration der zugewanderten Akademikerinnen und Akademiker in den deutschen Arbeitsmarkt und auf indirektem Weg über die Arbeit einiger dieser Fachkräfte, die später als Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder als Bildungspersonal ihrerseits Jugendliche bei der Bewältigung des Übergangs in Ausbildung und Beruf unterstützen können.
Walid beschreibt es so: "Ich glaube tief und fest daran, dass dieses Programm den Menschen wirklich helfen kann und deshalb engagiere ich mich als Mentor im Programm. Ich habe viele Menschen gefunden, die mir geholfen haben, und das ist auch eine kleine Gegenleistung: Ich möchte anderen Menschen helfen, wie eine Kette, so funktioniert das."






Literatur
Bundesagentur für Arbeit (2023) Fachkräfteengpassanalyse 2023.
Erath, P. (2010) Soziale Arbeit in Europa – Europäische Sozialarbeit?. In: Benz, B., Boeckh, J., Mogge-Grotjahn, H. (Hrg.): Soziale Politik – Soziale Lage – Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Mergener, Alexandra (2018) Zuwanderung in Zeiten von Fachkräfteengpässen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Bonn: BIBB.
Keeley, Brian (2009) Migranten und Beschäftigung in: Keeley, Brian International Migration: The Human Face of Globalisation, S. 87-113. Paris: OECD Publishing.
Straßburger, Gaby (2008) Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit.
Weitere Informationen und Ressourcen